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Publikations-Datum: 20000514
Seite: 101
Autor: VON NICHOLAS WADE
Kain, Abel und Seth - drei Kinder hatten Adam und Eva. So steht es in der Schöpfungsgeschichte. Zu einer weit höheren Zahl kommen indes Molekularbiologen in einer modernen Version der Genesis: Mit ausgeklügelten DNS-Analysen haben sie im Stammbaum der Menschheit mindestens zehn Söhne eines genetischen Adams und 18 Töchter einer genetischen Eva entdeckt, von denen alle heute lebenden Menschen abstammen.
Schon vor gut zwei Jahren haben Erbgut-Archäologen entdeckt, dass sich die gesamte Menschheit auf eine Urmutter, die genetische Eva, und ihr Pendant, den genetischen Adam, zurückführen lässt. Irgendwo in Zentral- oder Südafrika haben diese Ur-Eltern des modernen Menschen, des Homo sapiens, vor rund 140 000 bis 150 000 Jahren gelebt.
Die ersten 100 000 Jahre seiner Geschichte blieben die Nachfahren Adam und Evas dem schwarzen Kontinent treu, besagt die heute gängige Lehrmeinung. Erst vor etwa 50 000 Jahren brachen dann die ersten Gruppen von jeweils wenigen hundert Jägern und Sammlern von Ostafrika auf, um über den Nahen Osten die weite Welt zu erobern (siehe Karte). Dabei teilten sie sich vermehrt auf: Die einen Gruppen zogen nach Asien und weiter nach Amerika oder Ozeanien, andere Trupps wählten vor rund 45 000 Jahren den kürzeren Weg nach Europa.
Diese Besiedlungswege - und damit auch die Geschichte des modernen Menschen - haben nun zwei Forschergruppen mit Hilfe genetischer Spuren rekons-truiert. Der bislang detaillierteste Stammbaum kommt dabei aus dem Labor des Molekulargenetikers Douglas Wallace von der Emory University in Atlanta. Sein Baum basiert auf einer Analyse des Erbguts der Kraftwerke der Zellen, den so genannten Mitochondrien.
Im Gegensatz zum «normalen» Erbgut der 23 Chromosomen, das bei jeder Zeugung aus einem väterlichem und einem mütterlichen Anteil neu gemischt wird, wird das Mitochondrien-Erbgut nur über die mütterliche Linie vererbt. Theoretisch sollte das Mitochondrien-Erbmaterial (DNS) daher bei allen Menschen identisch sein. In der Praxis sieht das anders aus: Über die Generationen haben sich, beispielsweise durch Strahlenschäden, immer wieder Kopierfehler eingeschlichen.
Weil sich die Frauen stetig über den Globus verteilten, während sich die Kopierfehler in die Mitochondrien-DNS einschlichen, kommen heute bestimmte DNS-Varianten nur auf einzelnen Kontinenten vor. Wallace verglich daher die Mitochondrien-DNS von heute lebenden ethnischen Gruppen aller Kontinente und fand dabei 18 verschiedene Abstammungslinien.
So besitzen fast alle amerikanischen Indianer Mitochondrien-DNS vom Typ A, B, C oder D. Europäer gehören dagegen zu (neun) anderen Abstammungslinien, die Wallace mit H bis K und T bis X benannte. Aus den genetischen Unterschieden der einzelnen Linien konnte Wallace zudem lesen, dass sich die beiden europäischen Hauptlinien vor etwa 39 000 bis 51 000 Jahren räumlich (und somit auch genetisch) aufteilten - also etwa zur Zeit, als unsere Vorfahren Richtung Europa aufbrachen. Diese Zeitspanne stimmt mit archäologischen Befunden überein, die besagen, dass der Homo sapiens Europa vor mindestens 35 000 Jahren besiedelt hat.
Mit seiner Methode konnte Wallace auch die Wurzeln des Mitochondrien-Stammbaums erforschen. Wie der Erbgutforscher kürzlich im Fachblatt «The American Journal of Human Genetics» berichtete, fand er zwei afrikanische Stämme, die der «Mitochondrien-Eva» am nächsten kommen: die «Vasikela Kung» in der Kalahari-Wüste von Südafrika und die «Biaka» aus Zentralafrika. Dort, so die Folgerung, könnten also «Adam» und «Eva» gelebt haben.
Der Mitochondrien-Stammbaum von Wallace dürfte auch eine bis vor kurzem noch heftig geführte Kontroverse unter Anthropologen lösen: Hat sich der moderne Mensch gleichzeitig an mehreren Orten entwickelt (die so genannt multiregionale Hypothese) oder nur einmal in Afrika (Out-of-Africa-Theorie). Wallaces Daten sprechen eine klare Sprache: Die Wiege des modernen Menschen steht tatsächlich nur in Afrika.
Diese Aussage erhält noch mehr Gewicht, wenn man neuste, zum Teil noch unveröffentlichte Resultate aus Analysen der männlichen Abstammungslinie zu Rate zieht. Genauso wie die Mitochondrien-DNS nur mütterlicherseits vererbt wird, gibt es auch Erbmaterial, das nur vom Vater zum Sohn weitergegeben wird: das Y-Chromosom.
Eine Forschergruppe von der Stanford University in Kalifornien hat die Y-Chromosomen von Männern aus verschiedenen ethnischen Gruppen unter die Lupe genommen. Ihr Fazit: Das Mus-ter der Aufsplittung in verschiedene Gruppen ist bei den männlichen Abstammungslinien sehr ähnlich wie beim weiblichen Stammbaum.
Das Stanford-Team um Peter Underhill und Luca Cavalli-Sforza hat den Y-Stammbaum zwar noch nicht publiziert, doch in dem im März erschienenen Buch «Genes, People and Languages» (Autor: Cavalli-Sforza) gibt es eine Vorschau auf die Studie: Demzufolge hat der Y-Baum zehn Hauptäste, die sich aber mit den 18 weiblichen gut decken (siehe Grafik). Von den «Söhnen» des Y-Adams leben die Gruppen 1, 2 und 3 heute in Afrika. Sohn 3 wanderte Richtung Asien aus, wo sich die Söhne 4 bis 10 abspalteten und den Rest der Welt eroberten.
Luca Cavalli-Sforza glaubt, dass die Y-Chromosom-Abstammungslinien mit den Haupt-Sprachgruppen assoziiert sind. So zum Beispiel könnte die südkaspische Population eurasisch gesprochen haben, die Vorgängersprache von Indogermanisch und allen anderen wichtigen Sprachen des Kontinents. Der geistige Vater des «Human Genome Diversity Projects» (das den genetischen Unterschieden der verschiedenen ethnischen Gruppen auf der Spur ist), wie Cavalli-Sforza auch genannt wird, exponiert sich mit dieser These allerdings. Kollege und Mitochondrien-Forscher Douglas Wallace jedenfalls gibt sich zurückhaltend: «Ich bin da vorsichtiger als Luca.»
Nicht nur für die Sprachen-Entwicklung könnten genetische Stammbaum-Analysen dereinst wertvolle Hinweise liefern, sie öffnen generell der Archäologie, und auch der Ethnologie, neue Dimensionen. So konnte eine Gruppe um Michael Hammer von der University of Arizona in Tucson diese Woche zeigen (die Studie ist erst im Internet veröffentlicht: www.pnas.org), dass sich jüdische und arabische Gruppen genetisch kaum voneinander unterscheiden (s. Kasten).
Aufschluss geben die Mitochondrien- und Y-Chromosom-Analysen womöglich aber auch über eine der am meisten diskutierten Fragen in der Archäologie: Wann und wie wurde der amerikanische Kontinent besiedelt?
Joseph Greenberg, ein Linguist an der Stanford University, glaubt, Amerika sei dreimal besiedelt worden, da auf dem Kontinent drei Hauptsprachgruppen auszumachen sind: Amerindisch, Na-Dene und Eskimo-Aleutisch. Die Mitochondrien-Daten von Douglas Wallace stützen diese These ziemlich genau. Allerdings sagen die Gene, dass die Ankunft der Amerinder vermutlich in mehreren Wellen erfolgt ist. Während die Äste A bis D im Mitochondrien-Stammbaum den aus Sibirien eingewanderten Amerindern zugeordnet werden, könnten die Na-Dene-Sprecher (Ast X) von Europa her nach Nordamerika gelangt sein.
Eines zeigen die genetischen Untersuchungen aber auch: Zwar haben die Forscher etliche Differenzen auf dem Y-Chromosom gefunden, doch praktisch alle Unterschiede finden sich in jenem Bereich des Erbmaterials, wo keine Gene liegen und wo sie daher auch keinen Einfluss auf die Körperfunktionen haben.
«Auf dem Niveau des Y-Chromosoms», folgert Stanford-Forscher Peter Underhill daher, «sind wir tatsächlich alles Brüder.» Bearbeitung: Nik Walter
30 000 bis 60 000 Jahre alt: teilrekonstruierter Schädel aus Israel Foto: SPL